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DIE RHEBS SCHMUCKSTORY


DIE RHEBS SCHMUCKSTORY

Schmuckmacher gibt es überall. Hobbyfreaks, Semiprofessionelle, Goldschmiede, Designer, Schmuckgestalter, Bastler, Arbeiter und Angestellte in der Schmuckindustrie. So dreißig Jahre beschäftigte ich mich mit Schmuck. Einige Jahre davon beruflich. Ich war ein Seiteneinsteiger einer seltsamen Art, der sich das Wissen und Können dazu Stück für Stück mühsam aneignen musste. Heute durch das Internet ist vieles einfacher, da man auch auf solche Texte wie meine stößt, wo man nachlesen kann, warum man es eben so oder so gemacht hat. Manche Fähigkeiten nützen wenig, wenn man nicht die Fertigkeiten entwickelt. Durch üben, besser machen, durch mühselige Arbeit. Schmuck machen kann Spaß machen, wie seit tausenden Jahren. Man sitzt in seiner Werkstatt und feilt, schleift montiert. Maschinen und clevere Werkzeuge erleichtern die Arbeit. Irgendwo blubbern geheimnisvolle Flüssigkeiten wie in einer Hexenküche, die blitzschnell das mühselige Polieren abnehmen. Im Kopf kreisen Gedanken um Formen, Farben, Applikationen. Es kreisen Gedanken, “Was ist Mode?”, “Was ist Trend?”, “Was ist abgelutscht?”. Erfolge und Mißerfolge wechseln wie die Jahreszeiten, wechseln wie die Kunden, denen mal das und mal das interessiert. Ein wenig erzähle ich hier mit rund siebentausend Wörten.

Zum Schmuck machen kam ich in meiner Lehrzeit als Dreher, weil mir ein Schlosserkollege in der Frühstückspause vor jammerte, er müsste heiraten und hätte kein Geld für Eheringe. Borgen ging auch nicht….da würden keine Ringe passen. Ich machte ihm dann den Vorschlag, die Ringe aus Rotguss, einer goldfarbenen Kupferlegierung zu drehen, wovon ich einige Abfallstücke in meiner Abfallkiste hatte. Die Ringe drehte ich schön breit und voluminös und gab mir einige Mühe mit der Hochglanzpolitur. Bei der Hochzeit ist niemand aufgefallen, dass die “goldenen” Eheringe nicht echt waren – im Gegenteil, die fetten Ringe wurden von den Hochzeitsgästen bewundert und bestaunt. Einige Jahre später wurde es Mode den Anfangsbuchstaben des Vornamens als Brosche zu tragen und ich sägte aus Kupfer und Messing-Restmaterialien alle möglichen Buchstaben aus. Durch den perfekten Hochglanz der Oberfläche fanden meine Buchstaben reißenden Absatz und ich nutzte den Modetrend aus bis Buchstabenbroschen nicht mehr “in” waren.

1972 begann ich Maschinenbau und Pädagogik zu studieren und 180 Mark monatliches Stipendium reichten nicht sehr weit. Damals waren geflochtene Blumen-Broschen und Halsschmuck aus Kupferdraht in der schmuckarmen DDR der Renner und ich besorgte mir bei Elektrikern Abfallstücke und begann Draht auf einem sogenannten Faulenzer zu biegen. Ein “Faulenzer” ist ein ca. 30x10x2cm Brettchen in dem sich ca. zwanzig bis hundert 2mm Bohrungen befinden. Steckt man in das Brett Nägel nach einem bestimmten System, so kann man schnell und unkompliziert die tollsten Muster wickeln. Meine “Konkurrenz” das waren ebenfalls solche “Schmuckbastler” wie ich, wickelten eine Brosche in einer halben Stunde mit einer Rundzange. Mit meinem “Faulenzer” wickelte ich 20 Broschen gleichmäßiger exakter in einer Stunde. Diesen Trick und viele andere Schmucktechniken lernte ich von einem alten Schmuckmeister aus Jablonez/Gablonz, den es nach dem Krieg nach Thüringen verschlagen hatte und hier keine Gelegenheit mehr fand, seinen ursprünglichen Beruf auszuüben) Ich wurde sein gelehriger Schüler. Eine Brosche verkaufte ich für 5 DDR-Mark und hatte so einen ganz schön interessanten Stundenlohn erzeugt, welche mir das Studieren pekuniär gesehen angenehmer gestaltete. Später, als ich mir Fachlteratur über Goldschmiedetechniken besorgte, wurde ich zu diesem Thema bei Erhard Brepohl fündig: Faulenzer, Technik und Abbildungen: „Theorie und Praxis des Goldschmieds“, Kapitel “Faulenzer-Arbeiten auf S. 245-246 in den älteren Ausgaben, auf S. 251-252 in der neuen, 16. Auflage.

Das Draht-Material für größere Mengen Schmuck fand ich auf manchem Schrottplatz und langsam bekam ich auch ein Auge für weitere Abfälle und Reste, welche sich zu Schmuck verarbeiten ließen. Ich hatte damals noch keinerlei ökologischen Ambitionen, sondern schlicht und einfach die üblichen DDR-Beschaffungsprobleme und dazu die einfache ökonomische Erkenntnis, Abfall kostet fast nichts. Wichtig war mir, dass mein Schmuck nicht nach Abfallverarbeitung und Mülldesign aussah, was bei den kleinen Teilen relativ einfach war, wenn die Verarbeitung professionell organisiert wurde. Vom Design her lehnte ich mich an Bauhaustraditionen an und einfache geometrische Grafiken und Formen wurden fortan dann mein Gestaltungsprinzip.

Im Laufe der Jahre kamen weitere Erfahrungen und Tricks aus meiner Berufstätigkeit als Lehrausbilder in der Metallindustrie hinzu und Reste zu Schmuck zu verarbeiten wurde fast ein Fable für mich. 1974 hatte wurde ich Klassenleiter einer Dreherklasse im ersten Lehrjahr in Buna/Schkopau und hatte über die Hälfte Mädchen in meiner Klasse, welche zu diesem Beruf belatschert wurden, weil sie aus verschiedenen Gründen keine andere Lehrstelle erhalten hatten. Mit entsprechender Begeisterung saßen diese Mädels dann vor mir in der Dreherwerkstatt und bekamen ganz große Augen, als ich ihnen erzählte, jetzt wird erst einmal aus Schrott Schmuck gemacht, damit sie beim nächsten Schwof ganz toll aussehen. Es dauerte wenige Tage und nicht wenige machten Überstunden um sich von unten bis oben mit Ringen, Broschen, und Anhängern zu behängen. Am Wochenende waren besonders die Edelstahl-Abfallkisten wie leer gefegt und ich hatte mit dieser einfachen Methode einige meiner Mädels für einen metallverarbeitendem Beruf eventuell motiviert. Auch ich war damals kunsthandwerklich aktiv und baute nach dem Buch „Jaroslav Lugs HANDFEUERWAFFEN -Systematischer Überblick über die Handfeuerwaffen und ihre Geschichte, 2 Bände, Militärverlag der DDR“ Perkussionspistolen nach, mit denen man sich zwar nicht duellieren, aber locker verkaufen konnte.

Obwohl ich heute das Auffädeln von Perlen auf eine Schnur weniger als “Schmuckdesign” prädikatisieren kann, gehörte ich auch mal zu dieser Gilde, wenn es verrückte Perlen zum Auffädeln gab. Das waren mal große runde Plastikkullern, die als Babyrasseln verkauft wurden. Aus vier Babyrasseln wurde eine gnadenlos hype Halskette für meine Frau, die kaum jemand verriet, welchen Ursprung die knallroten Kullern hatten.  In einem WTB-Laden (Waren des täglichen Bedarfs) entdeckte ich einen Schneidroller mit 6 Scheiben aus feinstem V2A Federedelstahl der Firma Krupp oder aus dem einzigem Edelstahlwerk der DDR, Freital . Die Schneidkante wurde  stumpf geschliffen und ich hatte feinste  Edelstahlscheiben mit einem Superfinish für sechs Halsschmuckanhänger, denen ich mit einer Drahtbürste oder Sandstrahlgerät einen matt-glänzend Kontrast verpasste.

Die Verkäuferin an der Kasse sah mich seltsam an, weil ich alle paar Tage bei ihr einschlug und alle vorhandenen Schneidroller auf kaufte. Glaube so drei Mark kostete der Schneidroller, diesen Halsschmuck verkaufte ich für rund fünfzehn DDR Mark. Aus dem Schneidroller waren abzüglich der Kosten für Verschlüsse und Halsband sechzig DDR Mark Gewinn geworden. Irgendwann kam es mir schade vor, die gelben Gehäuse der Schneidroller weg zu werfen. Mit einer Laubsäge wurden die in kleinere Teile zersägt und ergaben leichten gelben Ohrschmuck, der bei jeder Kopfbewegung lustig am Ohr herum flatterte. Die Kanten der Ohrschmuckteile waren fein poliert und niemand der Damen merkte, das man eigentlich ein Achtel Zwiebelschneidroller am Ohr spazieren trug. Es wurde fast Methode, das ich alles was ich sah, aus dem Blickwinkel betrachtete, wie könnte man das Zeug ohne viel Arbeit zu Schmuck verarbeiten. Heute wird man mit allen  Schmuck-Perlen der Welt in Fachgeschäften, im Internet erschlagen. Damals, in der DDR musste man Ideen haben, um an Perlen aller Formen und Materialien heran zu kommen. Das Kinderspielzeug “Murmeln”, “Schippern” war  Ende der Siebziger Jahre nicht mehr “in” und in den Regalen der Spielwarenläden lagen die Kugeln nutzlos herum. Dabei lagen in kleinen Leinensäckchen alte Bestände Marmorkugeln, Kugeln aus Kalkstein, Keramikkugeln, Holzkugeln. Die Kullern brauchten nur noch ein Loch, um an den Hals gehangen zu werden. Mit einen Hartmetallbohrer und ein wenig Wasser zum Kühlen wurde das Problem gelöst. Eine Politur bekam man auch hin, wenn man die Kugeln in einer achteckigen Trommel gefüllt mit Kalkpulver und Sägespänen zwei drei Tage rumpeln ließ. Der Ohrschmuck der DDR war oft Nickelhaltig und verursachte entzündende Ohrlöcher wegen der Nickelallergie. Physiologisch unbedenklich war Dentaldraht, den man bekam, wenn man wußte, wo es ihn gab. Es gab wenig, aber es gab ihn im Medizinbedarfshandel in Leipzig und Suhl. Null komma Sieben Millimeter  war mein Standardmaß für Ohrhaken, die ich oft am Abend vor dem Fernseher mit der Rundzange bog. Ich brauchte kaum mehr auf die Hände zu sehen und werkelte wie eine Frau, die häkelte oder strickte.

Einige Jahre später arbeitete ich als Berufsberater in Thüringen und hatte dadurch die Möglichkeit in viele Betriebe meine Nase zu stecken. Selbstverständlich auch in die entsprechenden Schrotthaufen, welche es ja überall gab. Für ein nettes Wort oder eine Schachtel Zigaretten ergab sich immer mal die Möglichkeit meinen kleinen stabilen Koffer mit allen möglichen und unmöglichen Schrott-Teilen zu füllen. Da und dort stand auch mal eine alte kaputte Maschine herum, welche ich in meinem alten Skoda S100 zerlegt nach Hause fuhr und restaurierte. Eine 70 Tonnen Handspindelpresse von um 1900 drückt heute noch genau so 70 Tonnen pro Quadratzentimeter. Eine alte Schlagschere der 30er Jahre ist mit einem neuen Messer wieder wie neu. Mit einem alten Poliermotor von einem Zahntechniker kann man nicht nur Gebißteile polieren, sondern auch Schmuck. Eine alte Uhrmacherdrehmaschine kann nicht nur Uhrenteile drehen, sondern auch Schmuckteile. In 20 Minuten kann man aus einigen Streifen Schmirgelpapier ein wenig Leim und einigen Holzabfällen sich einen kompletten Feilensatz basteln, der feinere Flächen erzeugt, als die beste Feile. Auch alte oder gar historische Werkzeuge vom Trödelmarkt können noch prima ihren Zweck erfüllen und manchmal sind diese alten Werkzeuge sogar besser und funktioneller als heutige Werkzeuge. Aber auch mit einer modernen Punktschweißmaschine rücke ich meinem Lieblingsmaterial Edelstahl zu Leibe und habe schon manchen gestandenen Goldschmied rätselnd vor meinen “Exponaten” stehen gesehen mit der Frage im Kopf “….wie hat der das wohl gemacht?”

Durch viele Zufälligkeiten rutschte ich Anfangs der Achtziger Jahre immer mehr in das Thema Schmuck machen hinein. Ich hatte Interesse an Kunst und Antiquitäten. War Sammler und Jäger von Antiquitäten. In vielen Kisten und Kästen auf den Dachböden und Kellern Thüringens fand ich den Schmuck der einfachen Leute. Modeschmuck aus allen Ecken Deutschlands. Simili/Strassschmuck, Kupfer- und Messing-Filigranschmuck, einfachen Silberfiligranschmuck, Granatschmuck, gefasste Halbedelsteine. Nach kurzer Zeit hatte ich dazu mir die notwendige Literatur besorgt und stöberte in den Museen und Sammlungen nach der Geschichte des Schmucks. In Eisenach, Meiningen, Gotha und Erfurt konnte ich sehen, was es für germanischen, slawischen und keltischen Schmuck in den Vitrinen gab. Der Goldschmuck des Adels und des Großbürgertums seit der Renaissince faszinierte mich zwar, interessierte mich aber weniger, da ich den im Gegensatz zu dem Modeschmuck vergangener Jahrhunderte kaum in die Hand bekam. Durch meinen Beruf und mein Studium erlangte ich ein gutes fachliches Fundament der Metallverarbeitung, das ich eigentlich nur noch auf die Spezifik der Schmuckindustrie erweitern musste. Das war ein wenig beschwerlich, weil es die Schmuckindustrie in der damaligen DDR nur sehr zerstreut gab. Doch irgendwie schaffte ich es z.B. in den VEB Modeschmuck Waltershausen, zu dem ich fünfundvierzig Minuten mit dem Auto benötigte. Irgendwann kam auch VEB Ostseeschmuck Ribnitz-Dammgarten als Erfahrungspool dazu. Ich hatte es als Berufsberater einfach da rein zu kommen, denn ich musste Berufsbilder schreiben und Schüler über die Berufe Schmuckgürtler, Kupferschmied und Goldschmied aufklären. Das war zum einen Erkenntnisgewinn für meinen Job als Berufsberater, zum anderen war es schlicht und einfach Industriespionage für die wachsenden Ambitionen Schmuck selbst mal zu produzieren.

FibelMir war aber klar, alle Technologien der Schmuckherstellung, alle Tricks der Goldschmiedetechnik nützen wenig, wenn man nicht die Form, das Design, das künstlerische in den Griff bekommt. Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten sind dazu notwendig, die weit über das technologische Brimbamborium heraus geht. Meine Frau wunderte sich damals, als ich alle greifbaren Modezeitschriften nach Hause schleppte. Ich stöberte in der Bibliothek der Hochschule für industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein in Halle herum, besorgte Publikationen der Fachschule für angewandte Kunst Heiligendamm, Abteilung Schmuck/ Email/ Metall und der Hochschule Berlin Weissensee. Ein sicherlich nicht einfaches Problem war, was international in der Schmuckszene läuft. Was man heute mit ein paar Klicks im Internet erledigen kann, war damals viel mühseliger. Die DDR war abgeschottet. Alles, aber auch alles was draußen in der Welt passierte war den damaligen SED-Machthabern suspekt. Kunst, Design, moderne Technologien waren Teufelszeug des „Klassenfeindes“. So harmlose Zeitungen, wie die westdeutsche „Goldschmiedezeitung“ war in der DDR verboten und zutiefst als großbürgerliche Dekadenz missachtet.
Ich hatte Glück. Durch meinen Job kam ich in den „Giftsaal“ der Deutschen Bücherei in Leipzig und der Staatsbibliothek unter den Linden, denn ich war inzwischen aus der Berufsberatung ausgestiegen und arbeitete im VEB Kunstgewerbe Pappenheim im VEB Kombinat Wohnkultur Suhl als Musterbauer und Designer. Mein Job war zusammen mit meinen Kollegen neue Produkte zu entwickeln, die exportfähig waren, exportfähig für das „NSW“ das Nicht Sozialistische Wirtschaftsgebiet. Die DDR brauchte dringend Devisen und nahm für diese Jobs jeden, aber auch jeden der irgendwie für diese Tätigkeit geeignet war. Ich war geeignet und heimste schon ein halbes Jahr später auf der Leipziger Messe Die Auszeichnung “Gute Form” bündelweise ein.

Ich hatte langsam einen ganz guten Einblick, was bei den Schmuckmachern unterschiedlichster Culeur  so läuft und bekam immer mehr den Drall in dieser Szene auch mit zu mischen. Problem war nur, trotz Matallfacharbeiterabschluß und Ingenieurabschluß fehlte mir wesentliche fachliche berufliche Fundamente. Ich hatte keine Goldschmiedeausbildung, ich hatte keinen Fach- oder Hochschulabschluß als Formgestalter und ich benötigte eine Zulassung in den „Verband der Bildenden Künstler“. Alles, was ich dazu unternahm, ging schief. Eine externe Ausbildung zum Schmuckgürtler klappte nicht, weil ein Meister, der mich ausbilden wollte, wieder abgesprungen war. Bei einer externen Aufnahmeprüfung für ein Fernstudium als Formgestalter an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein rasselte ich mit Pauken und Trompeten durch. Trotzdem, ich wollte Schmuck machen. Guten Schmuck, gnadenlos anderen Schmuck als alle anderen. Lustig war, über die Leute, bei denen ich durch die Prüfung gerasselt war wurde ich später im Warenzeichenverband “Gutachter”. Ich hatte zu begutachten, ob ihre “Kunst” für den Export  in den Westen geeignet war. Es war gut! Auch ein Motiv, sich in eine Tätigkeit als Schmuckmacher zu verziehen waren die gesellschaftlichen Realitäten. Die zentralistischen Prinzipien des “Real existierenden Sozialismus”, wo von oben nach unten in jede individuelle Idee oft mit ausgebremster Sachkenntnis rein gegackert wurde, gingen mir total auf den Senkel. Ich wollte da raus und mein eigenes Ding machen, wo nur noch Rezipienten, Kunden entscheiden können, was sie wünschen und wollen. Die Modeindustrie der DDR hinkte den internationalen Entwicklungen manchmal vier bis fünf Jahre hinterher. Der industriell gefertigt Modeschmuck glänzte nicht sehr durch Variantenvielfalt, sondern durch Formenarmut, alleine schon wegen der Planungssytematik und dem Kampf um sogenannte Bilanzanteile im System der Materialbeschaffung, Personaleinsatz. Egal, in welche Stadt man kam, so sah man in den Schmuckläden der HO ständig die gleichen Erzeugnisse im Schaufenster. Manche Modelle lagen da über Jahre herum. So konnte es bei einer Betriebsfeier passieren, das am Abend zwanzig Frauen mit der gleichen grünen Kunststoffperlenkette am Hals und der gleichen grünen Kunststoffhandtasche stolz durch den Eingang schritten. Alle hatten sich am Vortag was brandneues in der HO gekauft. Anschließend ärgerten sich alle schwarz! Schuld waren aber hier weniger die Produzenten, also die Betriebe der Schmuckindustrie, sondern die Bilanz- und Planwirtschaft der DDR, die nur sehr schwer den internationalen Modeeinflüssen folgen konnte. Manchmal schaffte es die Industrie auch mit tollen Ideen und Schmuckmodellen. Das wurde dann aber oft von den Aufkäufern aus dem “nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet” ab gekauft. So konnte es vorkommen, das die Westoma aus Stuttgart mit “Gablona” Ohrklunkern aus Neuheim in Jüterbog auf dem Bahnhof stand. In der HO oder im Konsum gab es diesen Schmuck nicht!

Durch mein Fachwissen als Berufsberater wusste ich, das es berufliche Prämissen gibt, wo kaum jemand nach entsprechenden notwendigen Qualifikationen fragt. Das Zeug musste halt nur einfach anders sein. Kein Hahn kräht dann mehr danach, wo die Eier her kommen. Insofern wurde ich ganz locker und habe meine eigenen Schmucklinien gestrickt. Wesentliche gestalterische Einflüsse kamen von Schmuckgestaltern aus der DDR, wie Rolf Lindner, Helmut Senf, Rainer Schuhmann, Annette Kunze-Schumann, Glaser und Sohn, Erfurt. Einige Designer aus Pforzheim fand ich auch prima, aber am besten fuhr ich auf das schlichte Design von Carl Dau aus Westberlin ab. Beim Schmuck ist es wie mit dem Fahrrad. Das Rad neu erfinden geht kaum. Man schaut ab, kupfert ab, adaptiert, extrapoliert. Selten findet man absolut neue Lösungen. Die große runde Scheibe am Halsreif gab es bei den Inkas, bei den Germanen, im Mittelalter, als Bauhausschmuck um 1929 und heute in Paris bei allen Modelabeln.

Wichtig ist eigentlich nur, das da, wo man seinen Schmuck verkauft, den sogenannten Alleinstellungsanspruch definieren kann. Wenn es auf einen Kunsthandwerkermarkt zehn Stände gibt, die alle nur denklichen Glasperlenvarinten Halsschmuck verkaufen, dann kann man mit schwarzen Onix Perlen und roten Zellgummi-Halsreifen, den Perlenfädlern ein wenig die Schau stehlen. Nur, man muss wissen, zwei, drei, vier Wochen später haben die das auch. Mein Vorteil war, dass ich Technologien aus den unterschiedlichsten Betrieben erfahren hatte, die es bei der Schmuckproduktion traditionell nicht so gab. Man schaute damals wenig, was außerhalb der Schuhindustrie gemacht wurde, mit welchen Technologien in der Kleineisenwarenproduktion die Produktion lief. Plastschmelzverfahren zum Beschichten vom Schmuck kannten wenige. Also nahm ich eine große Büchse, in dem ich Kunststoffpulver füllte. Am Boden wurde ein Lufthahn angelötet und der Staubsauger angeschlossen. Jetzt brauchte man nur noch die Schmuckteile auf rund zweihundert Grad zu erhitzen und in die Büchse zu tauchen. Die Luft wirbelte das Pulver in der Büchse auf und die Kunststoffpartikel schmolzen hochglänzend auf die kleinen Teile auf. Man hatte keine Trocknungszeiten wie beim Tauchlackieren oder beim Farbspritzen. Es gab keine Farbnebelabfälle. In zwei bis fünf Minuten war man mit der Produktion fertig. Wenn mich irgend wo auf einem Kunsthandwerkermarkt Kollegen fragten, wie ich das gemacht habe, den habe ich nur Unsinn erzählt.

Wie der Geier war ich damals hinter Halbedelsteinen her. Es war fast nichts zu bekommen. Selbst einfachste Trommelsteine waren eine absolute Rarität. Selten erwischte ich mal ein wenig Chrysopras aus Polen, Katzenaugenquarz und Tiegeraugen von der Insel Elba, mattblaue Achate aus dem Thüringer Wald. An Mondstein und Opale war nicht zu denken. Die paar Mineraliensammler in Thüringen hatten nur gewachsene Kristalle, die man eventuell mühsam fassen konnte. Ein Cabochon war zu einem unbekanntem Fremdwort geworden. 925 Sterlingsilber bekamen nur die Goldschmiede. Was blieb mir übrig, ich nahm Kieselsteine aus der Immelborner Kiesgrube oder vom Ostseestrand. Dann wurde eine Poliertrommel gebaut und so nach einem halben Jahr ständiger Mißerfolge kamen meine geheimnisvoll glänzenden Kieselsteine hochglanzpoliert aus der Poliertrommel. Grob geschliffen habe ich die mit Siliziumgranulat aus der Schmirgelpapierproduktion. Die Vorpolitur gelang mit Eisendreioxid aus einem Betonwerk, das damit rote Betonplatten herstellte. Die Hochglanzpolitur erfolgte mit Kalk und Kreide. Ein halbwegs runder Stein wurde dann mit einem Hartmetallmeißel gespalten, um zwei Cabochons zu erzeugen. Aus einer Schwarzenberg Waschmaschine baute ich mir eine Edelstein – Tellerschleifmaschine, mit denen ich die Unterseite der Cabochons glatt schleifen konnte. Gefasst wurden die Steine mit Kupferblech, das ich nach dem Fassen schwarz färbte. Tagelang pusselte ich herum, bis ich schnell und sicher die Steine fassen konnte. Zum Schluss hatte ich sogar die Fassung mit relativ weichem Edelstahl hin bekommen. Dann konnte mir Sterlingsilber den Buckel runter rutschen. Die uralte Gewandspange “Fibel” machte damals kaum ein Goldschmied mehr, auch kein Schmuckgestalter. Ich löste mit dieser Idee bei mir selber eine Fibelmania aus. Für Broschen brauchte ich keine Broschenverschlüsse mehr, ich nutzte das uralte Prinzip in einer schlichten geometrischen Form. Im Herbst, wenn die Frauen gestricktes anziehen, war das für mich und sie der Renner. Fast jede wurde gefragt, wo sie das her hatte. Ich zählte mich zu der Szene der alternativen Schmuckmacher, die zwar traditionelle Techniken und alte handwerklichen Künste auch zur Anwendung brachte, aber technologisch mehrere Schritte weiter agierte.  Ich hantierte mit Elektroerosion, partieller Galvanik und einem 220 Herz Elektrograviergerät, das mit Funkeninduktion funktionierte. Hört sich kompliziert an, war aber ganz einfach. Funktioniert wie eine alte elektrische Klingel. Das Gerät war von 1936 und wird heute unter der Bezeichnung ARKOGRAF noch gebaut. Emaillieproduktion von Badewannen interessiert normalerweise keinen Schmuckmacher. Aber das Zeug war niedrig schmelzend und lies sich mit allen Erdfarben einfärben. Die Farben, die ein Töpfer zum Glasieren seiner Töpfe nimmt, interessierte niemand. Mich interessierte, wie die Schiffswerften Türklinken beschichteten, damit sie nicht koridierten. Welche Steinerdefarben benutzt eine Ziegelbrennerei? Eisenoxidrot Hämatit!  Ein Zementsack voll kostete damals 3 Mark. Mit welchen filigranen Beschichtungsverfahren arbeitet die Porzellanindustrie? Wie poliert man Kleineisenteile ohne auch nur selber einen Finger krumm zu machen. Was gibt es für Seilwirkverfahren für Halsschmuckbänder. Wie walkt man Leder für Lederarmschmuck. Wie färbt man Leder? In welcher Kiesgrube gibt es Mammutelfenbein und Mammutknochen? Welche Halbedelsteine gibt es in Thüringen im Wald? Wo gibt es Steine, die man wie Holz schnitzen kann? Was gibt es für neueste technische Beschichtungsverfahren in der Medizintechnik. Was gibt es in der Knopfindustrie für Verfahren der Massenproduktion? Wo liegen Puppenglasaugen ungenutzt herum? Welche historischen technischen Verfahren gibt es noch in der Region. Wie macht man Meerschaumpfeifen? Welche harten farbigen Naturornamente kann man aus Wurzelholz raus schneiden.  Wie verarbeitet man Flußmuscheln? Wer hat noch kiloweise Rosenkranzperlen vom Uropa zu Hause auf dem Boden? War ich irgendwo in der DDR im Urlaub, informierte ich mich vorher nach alten und neuen Technologien. Prägewerkzeuge für Kunstblumen aus Sebnitz. Waldglasabfälle der Weißen und der Grünen Hütte bei Neuruppin. Berliner Eisenkunstguß aus der Zeit “Gold gab ich für Eisen” um 1817. Zinkgußverfahren für Modelleisenbahnen.

Knubbelverschluß

Ein toller Treffer für mich war mal rundes Zellgummi für Halsschmuck. In der Industrie dichtete man damit Getriebedeckel öldicht ab. Der Modeschmuck Großhandel nutzt das gleiche Gummi und verkauft es heute gern zum zehnfachen Preis. Eine ständige Jagd für mich waren tolle Halsschmuck-Verschlüsse.  Die Karabinerhaken fand ich langweilig und abgelutscht, Bajonettverschlüsse waren zu kostenintensiv. Ich fand interessantere Lösungen. Einen zweiteiligen Knubbelverschluß aus Holland. Durch den Knubbel und die Abstände der Konstruktion geht der Haken nur auf, wenn man den Haken um neunzig Grad verdreht. Der Halsreifen ist so praktisch unverlierbar! Schade nur die Firma in Holland gibt es nicht mehr. Inwieweit der Verlschuß mustergeschützt oder patentiert ist, ist mir unbekannt. Eventuell ist die Zeichnung der Stanzteile was für Kollegen in China ;-)

GießharzschmuckEhe ich meinen Schmuck in eine Galerie brachte, sah ich nach, was dort die Kollegen machen. Die waren zum Teil gestalterisch weit besser als ich, sie hatten eine fundiertere Ausbildung als Schmuckkünstler. Technologisch waren aber viele in der traditionellen Goldschmiedetechnik zu sehr verhaftet. Da konnte ich mit meinen Verfahren einiges dagegen setzen. Ich machte einfach das, was die nicht oder kaum machten. Ich trixte mit kräftigeren Farben und Technologien, wo ich mit der Form nicht mithalten konnte.

Modeschmuck war für mich nichts elitäres, sondern Serienproduktion. Massenware mit Unikatelementen, was bei mir soweit ging, das ein Ohrschmuckpaar nie gleich sondern einfach nur ähnlich war. Ein richtiger Goldschmied hätte sich da geschämt,  nicht absolut identische Paare zu liefern. Mir war das egal. Manche Galerie meckerte “Können Sie keine Paare?”

Manche Tricks anderer Schmuckmacher bekam ich nicht heraus. Michaela Frey aus Wien, jetzt Frey-Wille arbeitet mit Verfahren, dünnste farbstarke Emaillieschichten zu erzeugen. Ich stellte alles möglich an, um Informationen zu erlangen. Das habe ich nie geschafft. In China hat man es wohl ermöglicht. Dort wird diese Technik heute für billigen Massenschmuck in einer wenig geringeren Qualität angewendet. Ein Kollege erzählte mir mal, die Technik wäre eh aus China und Frau Frey hätte das damals nur industriell adaptiert.

Schmuck hat seit tausenden von Jahren nicht nur damit zu tun, um zu repräsentieren, sondern auch mit der Idee, die eigene Persönlichkeit ganz gewaltig oder dezent mit allen nur möglichen Materialien zu unterstreichen. Am besten erfüllt man beide Ansprüche, wenn man das mit Sachen machen kann, die der Nachbar, die Freundin nicht hat. insofern war es manchmal ein Klacks dem zu entsprechen. Oft hat das aber auch nicht geklappt. Manchmal konnte ich da aber mit der Präsentation trixen. Edelstahl lag oft auf schwarzem Stoff. Bunte Sachen aus Gießharz lagen auf dunkelgrauen Stoff. Den einzigen Stand mit Dach hatte ich hier auf einem Markt in Hildburghausen. Wenn ich heute auf Kunsthandwerkermärkte in Berlin gehe, dann haben alle Schmuckverkäufer einen Mietstand, auf denen oft lieblos der Schmuck präsentiert wird. Bei den Profis, den Goldschmieden, Juwelieren, Schmuckdesignern und in Schmuckgalerien ist es anders. Da gehört die Präsentation zur Ausbildung. Mir fehlte diese Ausbildung und musste mir Stück für Stück diese Kenntnisse aneignen. Einen Namen kreieren war einfach. Durch meinen Job im VEB Kunstgewerbe Pappenheim hatte ich die Aufgabe Muster- und Warenzeichenrecherchen zu organisieren. Da organisierte ich mir für zweihundertfünfzig Ostmark mein eigenes Warenzeichen „rhebs“. Das ist ein Kunstwort und beinhaltet Buchstaben meines Namens: „Richard Hebstreit“

Als ich 1987 zu tiefsten “DDR-Zeiten” einen Gewerbeantrag stellte, um freiberuflich als Schmuckgestalter zu arbeiten, bekam ich erst mal einen ablehnenden Bescheid mit dem Hinweis, dass ich keinen sogenannten “Bilanzanteil” an benötigtem Material bekommen könnte. Auch fehle mir die nötige Qualifikation. Es gäbe absolut auch kein kein Material für meine Spinnereien. Mein Antwortschreiben enthielt den Hinweis, dass ich die Broschennadeln aus feinsten Edelstahldraht aus dem Nadelwerk Ichtershausen bekommen könnte. Da steht ´ne Tonne krumme Nadeln (Rouladennadeln und Schaschlicknadeln) auf dem Betriebshof. Rondenschnittabfälle bekäme ich von einer Waschmaschinenfirma aus Schwarzenberg und Edelstahlreste aller Abmessungen von einer Besteckfabrik. Maschinen benötige ich auch nicht…die hätte ich alle schon. Mit diesem durch und durch Resycling-Konzept erhielt ich dann 1988 die Gewerbegenehmigung, auch weil ich eine Gesetzeslücke entdeckt hatte. Mein Gewerbe wurde als Industriebetrieb zur Herstellung von Modeschmuck angemeldet. Das Warenzeichen „rhebs“ für meine Schmuckkollektionen hatte ich schon, die Genehmigung erteilte das Patentamt in Berlin in der Mohrenstraße.
Vom ersten Tag an brummte der Absatz, da ich schon vorher Erfahrungen sammeln konnte, wo ich den Schmuck platzieren kann. Die erste Galerie, die meinen Schmuck nahm, war die Galerie des Staatlichen Kunsthandels in Suhl. Mein Schmuck war nicht ganz so teuer wie Gold, aber weil in jedem Stück eine schöne Portion Entwicklungszeit, Arbeit und Erfahrung steckte, war er halt auch ein wenig teurer als Mode-Serienschmuck aus der Schmuckindustrie, der irgendwo aus einem Automaten gepurzelt kommt. Jedes Stück war ein Unikat und Serien ergeben sich höchstens aus einheitlichen Außenformen meiner “Kollektionen”. In einer Mangelwirtschaft, wie der DDR war Schmuck machen paradiesisch. Mein „Schmuckladen“ hatte nur Montags geöffnet, denn Montag Nachmittag war der Schmuck verkauft. Es war quasi wie ein Fabrikverkauf, weil ich ohne die Handelsspanne der Galerien verkaufte. Es kostete die Hälfte und das sprach sich schnell herum.

Es wurde eigentlich immer besser für mich im Sommer 1989. Schon ein Jahr war ich selbständig als Schmuckdesigner. Überall in der damaligen DDR hatte ich meinen Edelstahlschmuck verstreut. In den Galerien des staatlichen Kunsthandels, Rostock, Karl-Marx-Stadt und Berlin wurde der Schmuck manchmal am Tag der Lieferung verkauft. Die Galerie „Scarabäus“ in der Frankfurter Allee in Berlin war damals die Nummer Eins der Schmuckgalerien. Bei meiner ersten Personalausstellung klebten am ersten Tag überall rote Punkte. Danach meldeten sich Museen und ich bekam in Eisenach und Gotha erste Personalausstellungen. Die Zeitungen schrieben über meinen Schmuck Artikel und „rhebs“ wurde langsam auch in der Szene bekannt. Es gab Sammler, die sammelten meinen Schmuck wie Briefmarken und hingen ihn zu Hause in kleine Bilderrahmen mit schwarzem Hintergrund. „rhebs schmuck“ mutierte zu abstrakter und halbabstrakter Kunst.

Halsschmuck Edelstahl, geätztTrotzdem war ich unzufrieden. Ich wollte ins NSW, (Nicht sozialistisches Wirtschaftsgebiet) exportieren und bombardierte brieflich besonders Schmuckgalerien in Westdeutschland. Die erste Galerie, die anbiß, war Anna Laszkowski in Braunschweig. Gina, eine Freundin, die per Hochzeitszusammenführung nach Wolfsburg aus der DDR ausreiste, hatte das organisiert. So trudelte das erste Westgeld noch ein wenig spärlich bei mir in Thüringen, in Bad Salzungen ein. Das Geld setzte ich sofort für Werkzeuge und Materialien ein, die es in der DDR kaum oder nur spärlich gab. Laubsägeblätter für metallische Werkstoffe, Silberblech und Silberlot, Halbedelsteine und Spezialwerkzeuge. Eine ganze Serie von Bettelbriefen startete ich in Richtung großer westdeutscher Industrieunternehmen, um an neue innovative Werkstoffe ran zu kommen. Im Ergebnis dieser Aktivitäten trudelten fast wöchentlich kleine Päckchen mit seltsamen Inhalten ein. Aus Leverkusen von Bayer kamen LISA Kunststoffteile, die an ihren Kanten seltsam geheimnisvoll und magisch leuchteten. Dieses Material gab es aber damals in Westdeutschland in jedem Eiscafe als Trinkröhrchen. In der DDR war das unbekannt, wodurch meine “Schmuckstücke” aus diesem Material ein heute sogenanntess Alleinstellungsmerkmal hatten. Die kleinen von mir zerschnippelten LISA Stückchen leuchteten in einigen Schmuckvitrinen und -schaufenstern nur wenige Stunden. Es war eine Mangelware, allein schon aus dem Grund, weil es sie bisher noch nicht gab. Es war neu, seltsam, hip und sehr eigenständig. Bald hatte ich aber Probleme mit Nachlieferungen. Die paar LISA-Muster von Bayer Leverkusen reichten nicht lange.

Das Carnet!

1989 hatten meine Bemühungen langsam Erfolg, auch in Westeuropa wahrgenommen zu werden, da ich vorsichtig aber regelmäßig kleine Mustersendungen westwärts sendete. Ich brauchte dringend Westgeld für Werkzeuge und Rohstoffe, die es in der DDR nicht gab und ich wollte per „Dienstreise“ die Möglichkeit haben, nach Westdeutschland, Italien, Frankreich und England zu reisen. Meine Sachen waren ganz gut und die Galerien in Westdeutschland wollten mehr davon haben. Nun wollte ich das einfach legalisieren und offiziell meinen Schmuck nach Westeuropa exportieren.

Also wendete ich mich mit vielen Anträgen an die “zuständigen Behörden” Kreisplankommission, Örtliche Versorgungswirtschaft, Außenhandel und Zollorgane. Meine Schmuckstücke lagen damals bei der Herstellung im Pfennigbereich, brachten aber oft einen Fünfzigmarkschein ein. Ergebnis: Bis Mitte Oktober 1989 hagelte es Ablehnungen. Dann kam ein Brief aus Berlin mit einer Einladung nach Berlin! Problem war, was ich nur ahnungsweise wusste, ich hatte die Stasi an der Backe, die mich fleißig observierte. Mit total blödsinnigen Recherche-Ergebnissen, wie ich später erfuhr, die soweit gingen, dass man mich verdächtigte, in meiner Modeschmuck-Werkstatt Diamanten zu trennen und die dann halbiert zu verkaufen, weil ich ja eine eine Diamant-Trennscheibe aus dem Westen besaß. Nur, die war aus einem westdeutschem Baumarkt und diente eigentlich ganz simpel dazu Fliesen für mein Bad zu schneiden. “Diamant Trennscheibe = Werkzeug zum Trennen von Diamanten” dachten die “ausgebufften Genossen des Ministerium für Staassicherheit” und haben bei mir in der Werkstatt wohl in einer heimlichen Haussuchung die durchgeschnittenen Diamanten gesucht. Gefunden haben sie meinen harmlosen Schmuck aus Edelstahlabfällen und Aluminium, die sie in “heimtückische Gewinn orientierte Raffinesse” meinerseits einordneten. Das haben sie fleißig dokumentiert und fotografiert. Die Exportabsichten wurden als dekadent und gefährlich eingestuft, weil ich keine positive Einstellung zur DDR hatte.

Stasi Protokoll

Ende der 80er Jahre war aber die DDR schon außenwirtschaftlich sehr, sehr weich, weil man dringend Devisen benötigte. So wurde wohl auch das Ministerium für Staatssicherheit weich, weil ich ein eventuell zukünftiger Devisenbringer mit meinen Klunkern sein konnte. Trotz meiner “DDR herabwürdigten” Schreiben an Freunde in Westberlin und Westdeutschland, in dem ich mir einmal den Spaß machte, einen kleinen in Alufolie eingeklebten Zettel bei zu legen mit folgender Inschrift ” Die Folie ist wegen der Arschlöcher vom Stasi. Die finden zwar trotzdem einen Weg, alles zu lesen — es ist aber halt ein bissel schwerer! Handschriftlicher Kommentar des Ministeriums für Staatssicherheit, “Inhalt war in Alu – Folie eingewickelt.” “Toll!” dachte ich, als ich das erste mal meine Stasiakte las. “Welch reife Leistung!” Wo sich immerhin ein Oberstleutnant Sommer am 12.07.1989 zwei DIN A4 Seiten lang mit mir beschäftigt und so Sachen von mir zitierte wie ” …es entwickelt sich schon, aber in einer “Super-Zeitlupe”; Genau so, wie die alten Zellen der alten Herren absterben — langsam, langsam, langsam.” Am 9. November war für ihn Schluss mit lustig. Im Januar 1990 wurde er entlassen.

Anfang Dezember 1989 bin ich dann auf Grund der Einladung wegen einem Carnet (Das Carnet ist eine Art “Reisepass” für Waren, wie zum Beispiel Messegüter, Warenmuster) für die Pariser Kunstmesse nach Berlin gefahren zum Staatlichem Kunstaußenhandel der DDR, und kam just an dem Tag dort an, wo man diese Abteilung des Staatlichen Kunsthandels dicht gemacht hatte. Es war eine Abteilung von Alexander Schalck-Golodkowski, die mich für die Erteilung eines Carnets eingeladen hatte. Diese Abteilung gehörte zum Kunstschmuggelimperium der DDR, welches alles, was damals D-Mark brachte, nach Westeuropa verkaufte. Ich hatte was zu verkaufen, was man im NSW (Nicht sozialistisches Wirtschaftsgebiet) ganz gut gebrauchen könnte!

Von der Stasi protokolliert

Also ich komme dort ahnungslos an und werde erst einmal von einem Bürgerkomitee mit Polizeibegleitung fast verhaftet. Ich musste meine Tasche mit meiner Schmuckkollektion auspacken und alle waren erst mal ein wenig konsterniert. Das Zeug glänzte wie verrückt, war geil verpackt. Nur eigentlich waren es Stanzreste aus einer Waschmaschinenfabrik, die ich in meine eigene Schmuck-Form brachte. Man glaubte mir nicht gleich, das es nur Modeschmuckblech war. Nach Stunden wurde ich als harmlos entlassen und gelangte dann in das französische Kulturzentrum “Unter den Linden”. Denen erzählte ich mein Leid, dass ich von der Designermesse „ObART“ in Paris eingeladen bin und mich ein frisch gebackenes Bürgerkomitee da nicht hinfahren lassen will. Es kann kein Carnet ausstellen. Ein französischen Kulturmensch sah mich dann erstaunt an und meinte, “Fahren sie doch einfach los, die Grenzen auch nach Paris sind doch seit dem 9.November total offen! Keiner fragt da nach einem Carnet für so´n Kleinkram im Wert von 1500 Mark.”

Am 11. Januar 1990 gegen Mittag bin ich in von Eisenach aus in Richtung Westen los gefahren. Ich hatte ein Carnet von einer Zollbehörde in Bad Salzungen, die bisher wohl noch nie so was für Schmuck ausgestellt hatten. Am Nachmittag war ich in Frankfurt am Main und gegen 21 Uhr fuhr ich mit nur noch einer einer halben Flasche Nordhäuser Doppelkorn bewaffnet nach Paris. Niemand fragt im Zug nach einem Carnet! Total angetütelt kam ich am frühen Morgen auf dem Gare de l’Est an. Das Hotel, das ich mir aus einem DDR Buch über Paris, das als extrem billig beschrieben wurde, war inzwischen in die 3 Stern Riege aufgestiegen. 80 D-Mark Übernachtungskosten! Ich hatte nur 100 DM Bergrüßungsgeld von meinem ersten Westbesuch am 10. November in der Tasche. Auf der Obartmesse angekommen stand neben mir der Stand von BOGNER DESIGN mit Brillanten ab ein Karat. Die haben mich Ossi bestaunt wie einen Außerirdischen. Schmuck aus Edelstahl gab es damals im Westeuropa kaum. Meine Preise, so um 7,00 – 70,00 D-Mark pro Schmuckstück im Platindesign wurden schwer kritisiert. Ich wüsste wohl nicht, wo ich bin und sollte mal das Komma meiner Preise eine Ziffer nach rechts umsetzen. Ein österreichische Maler, Gerd Wucherer besorgten mir irgend woher weiße Tinte, weil ich meine Sachen mit weißer Tinte ausgezeichnet hatte und am 12 Januar Mittags hatte ich locker 15 000 DM eingenommen. Oft als Schecks, beziffert in Francs, die ich kaum lesen konnte. Pointe hier für mich war, Paris war Europa, da brauchte man als “Deutscher” Künstler kein Carnet! Ich empfand mich sofort als zukünftig steinreich  und weltberühmt, da es Einladungen nach Japan, USA und England hagelte!  Das damit deftige Standgebühren dort auf Messen und Ausstellungen verbunden waren, konnte ich nicht lesen. Von einer Telefonzelle hab ich am 14. Januar meine Frau angerufen und den Erfolg vermeldet. Nach dieser Parisreise und einer letzten Stippvisite im Sommer 1990 in Osnabrück aber hat mich der Schmuck beruflich nur noch am Rande interessiert. Die Welt hatte sich für mich gravierend geändert.

Die  Zeit 1989/90 war viel zu spannend, als einsam in meiner Werkstatt zu sitzen und Schmuck emsig zu zu feilen und zu montieren. Ich ging in die Kommunalverwaltung und mischte mit, die DDR ab zu schaffen. Am 3. Oktober 1990 wurde die DDR “Neuere Deutsche Geschichte”, an der ich inzwischen mit meinem Buch “Grenzsoldat” auch ein wenig mit geschrieben habe! Es war auch nicht mehr notwendig mich in der sozialen und beruflichen Nische „Schmuckgestaltung“ zu verstecken. Ich baute das erste kommunale PC – Netzwerk in den neuen Bundesländern auf und  konnte ab 1993 designen was ich wollte. Möbel, Innenarchitektur, Kneipen, Kinos, Restaurants, Stadtinformations-Systeme, Grafikdesign, Fotowerbung, Drucksachen, Logos, Industrieprodukte bis zur Farbgestaltung für Industrieöfen.

Der Grund aus der Schmuckgestaltung aus zu steigen, hatte mehrere Aspekte. Ich konnte nicht eine einzige nützliche Fremdsprache sprechen, geschweige denn schreiben. Als ich in Paris auf der Obart von vielen Galeristen, die meinen Schmuck haben wollten, angesprochen wurde, verstand ich kein Wort. Ihre Schreiben dann zu Hause konnte ich ja noch übersetzen lassen – nur wenn sie sich per Telefon aus Tokyo, San Francisco, Limoges und sonstwo auf der Welt meldeten mit Änderungswünschen für ihre Kunden, musste ich passen. In der Kunsthandwerkerliga auf Wochenmärkten weiter mit zu spielen hatte ich keine Lust, weil ich mit Innenarchitekturentwürfen das mehrfache verdiente, als in der gleichen Zeit „Klunker“ zu produzieren.  Modeschmuck in der Mangelgesellschaft DDR zu  vertreiben, war absolut keine Kunst. Der Job Serienschmuck zu produzieren, war pekuniär gesehen paradisisch. Zehn Tausend Mark Gewinn in einer Woche zu erzeugen war manchmal leicht.  Die Besichtigung des Lagers eines indischen  Großhändlers in Frankfurt am Main, öffnete mir die Augen, dass ich gegen die globalen Produktionsstrukturen zukünftig  Probleme haben werde. Ich bekam regelrecht Angst individuelle Schmuckproduktion als einzige Einkommensquelle zu sehen.

DIE TECHNIKEN

Meine internen Tricks zur Schmuckherstellung habe ich hier publiziert:

http://www.neobooks.com/werk/32285-die-rhebs-schmuckstory.html

Links zu alternativem Schmuck, der mich damals und heute noch interessiert:
http://www.oona-galerie.de/
http://www.alternatives.it/
http://www.jirokamata.com/
http://www.galerie-spektrum.de/
http://www.froufrou.de/
http://www.galerie-biro.de
http://www.sibylleumlauf.de/
http://www.galerie-ra.nl/
http://www.gijsbakker.com/
http://www.chihapaura.com/

Alte Design-Entwürfe von mir:

https://www.facebook.com/media/set/?set=a.1363441301031.46605.1681581240&type=1

©  2014 Richard Hebstreit